Reisetagebuch Ostgrönland – September 2026

Im letzten Jahr war Robin Hood nicht vor Ort bei den Schlittenhunden in Ostgrönland, zu viel war mit den anderen Projekten zu tun, doch meine Gedanken waren bei ihnen.

Leider haben sich die Reisebedingungen verschärft, denn es ist nicht mehr so einfach, Ostgrönland über Island zu erreichen. Iceland Air hat ihre Flüge drastisch reduziert, ab Ende September bis Mai gibt es gar keine Flüge und von Mai bis Juni auch nicht mehr täglich.

Ostgrönland war immer im Hintertreffen, egal ob es um die Reparatur des Helikopters ging oder um eine drei Monate verspätete Ankunft des Versorgungsschiffes, das dann mit verrottetem Obst und Gemüse angekommen ist.

Ein weiteres Problem, das knapp vor Abreise aufgetaucht ist: Unser Projektpartner hat die Futterproduktion eingestellt. Robin Hood hat die Frachtkosten aus Dänemark nach Ostgrönland übernommen, somit haben sich die Futterpreise wesentlich reduziert, mehr Hundehalter haben es gekauft und die Hunde profitieren davon und sehen seitdem wesentlich besser aus. Früher konnte ich überall extrem abgemagerte Tiere sehen, das hat sich durch die Hilfe von Robin Hood wesentlich gebessert.

Zum Glück fand sich jemand, der nun den Ankauf und Transport übernehmen wird und die ersten Bestellungen vor dem nahenden Winter sind schon eingelangt.

Der erste Tag

Auf dem Weg nach Ostgrönland

Am 1. September bin ich von Rumänien aus gestartet, weil ich fast nur mehr dort wohne, aus Tierschutzgründen. 

Cluj war meine erste Station, eine kurze Übernachtung erfolgte in einer Pension nahe dem Flughafen, weil der Flug bereits um 6 Uhr startete und ich um 4 Uhr dort sein musste.

Dann begann eine kleine Odyssee, von Cluj nach München, von München nach Oslo in Norwegen, dort das Gepäck auschecken und neu einchecken, von Oslo nach Keflavik, Island, Gepäck auschecken und neu einchecken, von Reykjavik nach Kulusuk, Ostgrönland, zuvor wieder Gepäck auschecken und neu einchecken. Endlich in Kulusuk angelangt, die kleine Maschine der Iceland Air, mit Propeller betrieben, hüpfte über die Schotterlandebahn…Ostgrönlands Bergwelt zeigte sich am frühen Abend von ihrer schönsten Seite. Am kleinen Flughafen versuchte ich, meine grönländische eSIM-Karte zu aktivieren, denn dazu brauche ich Internet. Stress, weil der ATV wartete schon, ich musste aufs Boot, der Helikopter ist überlastet, deswegen werden einige Flüge schlichtwegs auf ein Boot umgebucht. Die Karte funktionierte natürlich nicht, wie immer stand ich in Grönland zunächst ohne Telefon da, keine Möglichkeit, zuhause Bescheid zu geben, dass ich gut angekommen bin, meine Familie musste weiter bangen und ausharren, bis ich mich melden konnte.

Über einen wackeligen Landungssteg ging es aufs Boot, dort mussten wir die sperrigen Schwimmwesten anlegen, das Gepäck kam aufs Dach und schon sprangen wir gleichsam über die Wellen des arktischen Meeres. Die pittoresken Berge Ostgrönlands zogen an uns vorüber, ihr Kennzeichen sind die scharfen Zacken, die sich scharf vom Himmel abzeichnen. Das Meer ist dort tintenblau und die Gischt spritzt in strahlendem Weiß auf. Nach etwa einer Dreiviertelstunde erreichten wir Tasiilaq, mit seinen 2000 Einwohnern die größte Ansiedelung in Ostgrönland. Die bunten, kleinen Häuschen schmiegen sich ans felsige Gelände, als würden Schwalben ihr Nest dort gebaut haben. Doch ich entdeckte auch viele Neubauten, Veränderungen seit dem letzten Mal, als ich hier gewesen bin. 

Das Boot legte an und ich machte mich zu Fuß auf den Weg zum Haus, wo ich ein Zimmer reserviert hatte. Projektpartner Lars gab es mir immer kostenlos, aber ich fand es nicht mehr? Ich war mir sicher, wo es sein musste…so marschierte ich mit vollem Gepäck weiter bergauf…endlich stoppte ich ein Auto, es gibt sie hier und auch Straßen, aber man kann in Grönland nicht von einem Ort zum anderen fahren. Wir überlegten gemeinsam, schließlich stieg eine Frau zu, die wusste, wo das Haus war. Endlich angekommen, nach fast 30 Stunden Reisezeit.

Am Weg begegnete ich den ersten Hunden, einer Mutter in einem Gehege, an der Kette, die Welpen wuselten frei herum…

Ich schlief wie ein Stein.

Der zweite Tag

Veränderungen in Tasiilaq

Um 6 Uhr war ich putzmunter, meine eSIM zeigte immer noch kein Lebenszeichen, somit war ich abgeschottet vom Rest der Welt. Ich wusste nicht, wie es meinen Eltern geht, ich wusste nichts von meinen Hunden, ich konnte niemand mitteilen, dass ich gut angekommen bin.

Somit machte ich mir Notizen und bereitete mich auf ein Treffen mit den Hundehaltern vor. Plötzlich war ich online…Gut Ding braucht Weile in Ostgrönland, die Simkarte wurde nach mehr als 12 Stunden freigeschaltet. Ich wollte schon zum Postamt, aber das ist geschlossen und hat nurmehr einen kleinen Schalter im Supermarkt. Vieles ist geschlossen, auch das kleine Touristenbüro mit dem Souvenirladen…

Am großen Hundeplatz außerhalb von Tasiilaq traf ich Rasmus, er hat ein Touristikunternehmen und wird ab jetzt den Ankauf und Transport des Futters übernehmen, die ersten Bestellungen sind bereits eingelangt.

Welpen umkreisten ihn und freuten sich, dass er da ist, auch mich begrüßten sie auf ungestüme Hundeart, sie sind noch frei, denn erst mit 6 Monaten müssen sie an die Kette.

Rasmus jedoch war deprimiert…alles ist im Wandel und leider nicht zum Besseren. Die Fluglinie Iceland Air, die einzige direkte Verbindung nach Island, schränkt ihre Flüge immer mehr ein. Flog sie früher das ganze Jahr, so gibt es nun nur Flüge von Juni bis September, das trifft nicht nur die Touristen, die dann eher zur Westküste fliegen, sondern auch die Bewohner Ostgrönlands. Noch dazu erreichte ihn ein Anruf, einer seiner Hunde im Flower Valley, der zweiten Hundestation, ist tot, wir eilten dorthin, er lag etwas abseits, ohne Halsband, unversehrt, ich untersuchte ihn und konnte nichts finden, kein Blut, keine Verletzung. Trotzdem war es wohl eine Rauferei, er hat sich selbst stranguliert und noch aus dem Halsband befreit, so vermuteten wir. Der Hund wurde auf den Pickup geladen und der Hundeinspektor, den jeder Ort hat, wurde informiert. Wir brachten das arme Wesen schließlich zur örtlichen Müllhalde, Rasmus war sehr traurig, es war der Lieblingshund seines Sohnes…Rasmus zeigte mir auch bei einer Rundfahrt, was sich verändert hat, leider nicht zum Guten. Das große Postamt ist geschlossen und findet sich in einem kleinen Schalter im Supermarkt wieder, das Touristenbüro mit Souvenirladen ist zu, die Bäckerei geschlossen…

Die Hunde werden immer weniger, waren es vor rund 10 Jahren noch 1500, so sind es jetzt an die 400.

Sie sind jedoch besser versorgt. Extrem dünne Hunde, wahnsinnig vor Durst, die gibt es nicht mehr, nicht zuletzt durch unsere Hilfe sind die Hunde besser ernährt.

Welpengehege sind nun Vorschrift, funktionieren jedoch nur teilweise, da sie aus Paletten schnell errichtet wurden und die Welpen natürlich entkommen. Die älteren Welpen laufen ohnehin bis zum Alter von 6 Monaten frei.

Rasmus träumt von einem Gehege auch für die großen Hunde, ohne Ketten, eine schöne Idee, die es gilt gemeinsam umzusetzen, sehen wir, ob es machbar sein wird.

Auch in Ostgrönland war der Sommer 2026 sehr trocken, kleine Seen und Bäche sind ausgetrocknet. Jene Hundehalter, die ein Auto haben, sind besser dran, aber die, die das Wasser zu Fuß heranschleppen müssen, haben es schwer, dementsprechend seltener bekommen die Hunde Wasser. Die Lösung ist ein Pumphäuschen, ich bat Rasmus, bei der Verwaltung zu fragen, wie wir das realisieren können. Rasmus musste weiter, er hatte eine Bootsfahrt mit Touristen…ich ging einkaufen und entdeckte zu meiner Freude einige vegane Produkte, wie vegane Margarine, verschiedene Sorten Pflanzenmilch und sogar veganes Erdbeerjoghurt. Auch ein Vollkornbrot musste mit, denn am nächsten Tag flog ich mit dem Helikopter nach Tiniteqilaaq, einem winzigen Dorf. Ich ging die altbekannten Wege, mittlerweile hatte ein großes Kreuzfahrtschiff angelegt und in mir regte sich Widerwillen. Ich mag diese Schiffe nicht und sie bringen den Menschen vor Ort gar nichts, alles wird an Bord konsumiert, lediglich die Touristikunternehmen können ein paar Reiseführer stellen, die die Passagiere durch den Ort lotsen. Ich begab mich zum großen Hundeplatz und das Geheul der Hunde ließ mich nichts Gutes ahnen. In der Tat liefen Touristen herum, mit Reiseführer, eine Touristin, scheinbar allein, kämpfte mit großen Welpen um einen Plastiksack, wahrscheinlich hatte sie Essen darin. Ich fotografierte etwas entfernt eine Hündin, streichelte sie und redete mit ihr, als mich der Reiseführer ansprach, ich solle mich bitte von den Hunden fernhalten, ich drehte mich um, er lachte und sagte, ach, Du bist es, ich habe dich nicht gleich erkannt und dachte mir, es sei eine Touristin. Ich freute mich darüber und ging weiter zu den anderen Hunden. Das Geheul hatte sich gelegt, nur die Hunde und ich…mit mir waren sie ruhig. Ich spielte mit den aufgeweckten Welpen, setzte mich auf einen Stein… Ruhe. Diese Hunde sind ganz besonders und sie haben von Beginn an einen Platz in meinem Herzen gefunden.

Sie alle freuen sich auf den Winter, wenn sie wieder am Schlitten laufen dürfen. Es begann leicht zu regnen, aber ich lief noch durch den Ort, hier geht es steil bergauf, bergab, ins Blumental, wo weitere  Hunde sind. Der Vorteil ist, hier gibt es einen kleinen Fluss und die Hunde können besser mit Wasser versorgt werden. Schilder wiesen den Weg zu einem kleinen Gemüsegarten, wo eine grönländische Organisation mit Jugendlichen in Hochbeeten Gemüse anbaut. Alles war bereits geerntet, aber es hat Kartoffeln, Radieschen, Salat, rote Rüben, Kräuter und anderes mehr gegeben.

Hier gab es noch einige Hunde und sie sahen recht gut aus, eine Hündin hatte sich jedoch befreit und lief, die Kette hinter sich schleifend, auf die Straße. Die Zeiten, wo jeder freilaufende Hund umgehend erschossen worden ist, sind vorbei. Die Leute posten auf Facebook, dass ein Hund frei herumläuft und der Besitzer kann ihn einfangen, geschieht dies jedoch nicht, wird er erschossen, das ist leider immer noch Gesetz.

Ich wanderte zu meiner Unterkunft, die ich verschlossen vorfand. Meine Mitbewohnerin, eine Dänin aus Nuuk, hatte abgeschlossen, ungewöhnlich für Ostgrönland. Ich rief den Hausbesitzer in Dänemark an, der informierte seinen Kollegen und ich konnte mir endlich den Schlüssel holen. Ein langer Tag ging zu Ende.

 

Der dritte Tag

Wiedersehen mit Max in Tiniteqilaaq

Der Helikopter nach Tiniteqilaaq sollte um 9.00 starten, ein älteres, einheimisches Paar und ich waren die einzigen Fluggäste im kleinen Flughafen. Hier gibt es einen Schalter, das Gepäck wird gewogen, eine Toilette, Sitzgelegenheiten, ein paar Werbeposter von lokalen Touristikbüros und eine Anzeigetafel, die uns verriet, dass unser Flug abgesagt wurde und wir stattdessen rund eine Stunde später fliegen. Air Greenland teilte das aber auch per E-Mail mit, aber wer ist immer online?

Die Lampen an der Decke waren staubig, teilweise zerbrochen…draußen wurde der alte Helikopter aus dem neuen Hangar rangiert und sein neuer, aus Südgrönland gebraucht gekaufter Kollege, der größer ist, aber ständig repariert werden muss. Mir fiel auf, dass er nur Räder und keine Kufen hatte, wie der Alte, somit in Eis und Schnee völlig untauglich ist, viele Flüge werden immer wieder abgesagt.

Nur einer von vielen Hinweisen, dass der Regierung Ostgrönland wenig am Herzen liegt.

Dann ging es los, ich vermisste das laute Rattern des alten Helikopters…aber auch der neue fliegt seine 15 Minuten flott nach Tinit. Um kurz nach 9.45 starten wir.

Helikopterfliegen ist für mich immer etwas Besonderes, der Pilot drückte unendlich viele Schalter und Knöpfe und hatte auch bei diesen Kurzflügen strikt die Check-Liste zu befolgen.

Wir trugen Ohrenschützer, da der Lärm relativ stark ist, ein Hubschrauber ist kein Passagierflugzeug.

Der Landeplatz ist klein, mit Sicherheitsbändern abgegrenzt und fertig…das Gepäck nahmen wir gleich in Empfang und dann sah ich Max, den Lehrer, der rasch dem Unterricht entschlüpfte, um mich abzuholen.

Seit fast 40 Jahren lebt der gebürtige Franzose aus Marseille in diesem winzigen Dorf. Er hat hier die Jagd gelernt, den Umgang mit den Schlittenhunden, Dänisch, Ostgrönländisch und die Prüfung zum Lehrer absolviert.

In der kleinen Schule unterrichtet er die wenigen Kinder und spielt die Orgel am Sonntag, wenn die Schule zum Kirchenraum umfunktioniert wird.

Wir gehen zu seinem kleinen Haus  und gleich gegenüber sind seine Hunde, ich erkenne Chopin, Armstrong…alle begrüßen uns freudig. Im Haus bekam ich ein kleines Zimmer mit Matratze…alles ist hier voll mit wichtigen Outdoorutensilien, grönländischem Kunstwerk, Bildern, die die Kinder gemalt haben, unzähligen Büchern und an der Decke schwimmt ein riesiger Wal, gefolgt von seinen Jungen, ein Werk seiner zweiten Frau, die aus Japan stammt. An der Wand hängt ein riesiges Eisbärfell, wie in fast jedem Haus hier in Ostgrönland.

Wir gingen einkaufen in das einzige Geschäft, das es hier in dem kleinen Dorf gibt. Das Versorgungsschiff hatte gewaltige Verspätung, niemand konnte wirklich sagen, wann es endlich eintreffen wird, somit gab es kaum Obst und Gemüse, selbst nicht als Tiefkühlware. Ich kaufte ein paar verschrumpelte Kartoffeln, die schon ausgetrieben hatten, und zwei Zwiebeln, Brot, Tomatensoße, Fruchtsaft…Ungesundes gab es, Süßwaren, Fertigsuppen, Softdrinks…einige Pizzas verharrten noch im Tiefkühler, eine Packung Petersilie, Eis, Fleisch gibt es. Wir aßen eine Kleinigkeit und fütterten die Hunde, die uns jaulend erwarteten. Robin Hood bezahlt hier das Futter und die Frachtkosten für das Trockenfutter, das per Schiff aus Dänemark kommt.

Gibt es keine Seehunde oder Fisch, ist das Futter die einzige Nahrungsquelle für die Hunde.

Unser Plan war, zwei Hunde auf eine Wanderung mitzunehmen, ich bekam Nuja, was Wolke bedeutet, eine kleinere Hündin und Max hatte Chopin, den großen Schlingel am Seil.

Wir wanderten bergauf, nur Felsen, man muss extrem aufpassen, wenn man die Felsen hinabklettert, schließlich wurde es zu gefährlich für uns, die Hunde zogen zu stark, wir ließen sie frei. Schneller als der Wind waren sie am Wasser, planschten herum, liefen auf und ab, bis sie schließlich verschwunden waren. Max war sich sicher, dass sie nach Hause laufen und so war es dann auch. Grönland ist hier nur Fels, Flechten, die dunklen Schwarzbeeren, etwas bitter im Geschmack, leuchten hier und da aus dem Gestein. Moose schmiegen sich an die Steine und federten unsere Schritte ab, gleich wieder abgelöst von extrem spitzen Steinen.

Im Meer trieben die Eisberge träge vor sich hin, ihre Farben zeigten alle Schattierungen von Blau und man wähnt sich in einer komplett anderen Welt. Die Stille ist faszinierend, einzig unterbrochen vom Schwirren der Flügel eines Raben.

Es ist tatsächlich wie auf einem anderen Planeten.

Wir wanderten nach Hause und siehe da, Nuja und Chopin warteten schon auf uns…sie waren wesentlich schneller als wir, während wir bergauf, über die steilen Felsen und alles wieder zurück, viel länger brauchten. 

Die Hunde freuten sich, jene, die nicht mitdurften, heulten um die Wette. Max hält seine Hunde sehr gut, obwohl auch er das Gesetz beachten muss, das die Kettenhaltung vorschreibt. 

Wir kontrollierten, ob alle genug Wasser haben, Max füttert sie im Sommer jeden zweiten Tag mit reichlich Trockenfutter oder wenn er hat, Fisch. Die Hunde sahen sehr gut aus, manche fast etwas mollig…Ich lernte hier sehr viel über die Hundehaltung und sah bald ein, dass manche meiner Sichtweisen, projiziert auf unsere Hunde, schlichtwegs falsch waren. 

Die Zukunft der Schlittenhunde

Wir kochten uns Nudeln und Max erzählte mir über die großen Veränderungen hier im Land – das machte mich nicht nur nachdenklich, sondern auch traurig.

Die Motorschlitten werden immer häufiger verwendet, die Jagd mit dem Schlittenhundegespann gehört so gut wie der Vergangenheit an. Als strikte Jagdgegnerin in unseren Breiten habe ich gesehen, dass sie hier in Grönland in der Vergangenheit überlebensnotwendig war, so leid es mir um die Tiere tut. In diesen Tagen gibt es, sofern das Versorgungsschiff fährt, vieles an Nahrungsmitteln zu kaufen. Natürlich sind sie teuer und viele Einheimische wollen auch nicht auf Fisch und Seehund verzichten. War man früher bei der Jagd Tage und oft sogar Wochen unterwegs, ohne eine Nachricht schicken zu können, bedeutete dies höchste Gefahr für Mensch und Hunde. Die Beute wurde dann immer im Dorf aufgeteilt, so dass auch jene, die nicht mehr jagen konnten, mit Nahrung versorgt wurden. Diese Zeiten sind vorbei. 

Die Motorschlitten sind im Dauereinsatz, sie bringen nonstop Beute, die verkauft wird und das, obwohl die Jagd am Motorschlitten verboten ist, doch niemand kümmert sich darum, alle Verantwortlichen schließen die Augen. Mit diesen Gefährten ist man schnell, kann überall dorthin, wo der Hundeschlitten nicht fahren konnte, mehr und mehr Tiere werden erlegt, an einem Tag wird gleich viel erbeutet wie mit dem Hundeschlitten in einem Monat – die Gier hat auch hier Einzug gehalten.

Die Inuit, so erzählte mir Max, geben nichts auf Tradition, unsere romantisierte Vorstellung vom Menschen am Hundeschlitten ist für sie nichts wert, vorbei ist vorbei. 

Ich mache mir Sorgen um die Hunde…noch sind sie da, aber es werden immer weniger…die meisten werden nur mehr für Touristenfahrten genutzt, sonst bleiben sie an der Kette. 

Rasmus hat drei Trainingswagen im Einsatz, die Hunde ziehen das Gefährt, zwei Touristen können es benutzen und haben Spaß und die Hunde bekommen Bewegung. Damit lässt sich wesentlich mehr verdienen als mit dem Hundeschlitten und trotzdem verwenden die anderen Hundehalter die Trainingswagen nicht. Niemand kann genau sagen, warum. Rasmus würde ihnen die Gefährte gratis zur Verfügung stellen. Max erklärte traurig eine ergreifende Wahrheit: Das einzige Tier in Gefahr hier ist der Schlittenhund. In Ostgrönland sind an die 400 Hunde übrig geblieben, obwohl das Überleben hier nur mit den Hunden möglich gewesen ist. Es bleibt spannend zu sehen, wie es sich weiterentwickelt. Richtig ist, ein Motorschlitten braucht nur Treibstoff und läuft sofort, ein Hund benötigt mehr Pflege, Futter, Wasser, man muss ihm das Brustgeschirr anziehen, ihn vor den Schlitten spannen, die Hunde müssen Befehle erlernen und der Schlittenführer muss in der Eiseskälte ständig die verwickelten Schnüre des Gespanns entwirren. Der Tag neigte sich dem Ende zu…Max spielte noch eine Weile am Piano, das er neben seinem Schlagzeug und einer Querflöte in seinem kleinen Haus untergebracht hat. Einaudi, der italienische Musiker und Komponist, ist sein Favorit. Ich lag auf meiner Matratze, einen Schlafsack als Kopfkissen und fühlte mich trotz der Widrigkeiten glücklich, schöne Musik live und gratis, 1000 Eindrücke und draußen das Heulen der Hunde.

Der vierte Tag

Eine Wanderung mit Max

Es war Samstag, Max, der als Lehrer hier arbeitet, hatte frei. 

Dieser Mann hat vor fast 40 Jahren seine Heimat in Marseille, Südfrankreich, aufgegeben, um nach Ostgrönland in das winzige Dorf Tiniteqilaaq auszuwandern. 

Seine Geschichten, denen ich immer gerne lausche, könnten Bände füllen. Ich war nun zum dritten Mal bei ihm zu Gast und immer noch kann er stundenlang von Dingen erzählen, die völlig neu für mich sind.

Speziell für Ostgrönland, ich kann nur von diesem Teil Grönlands berichten, ist, dass hier ungewöhnliche Menschen wie Treibholz an Land gespült werden. Manche verhaken sich im Gestein an Land und bleiben, andere wieder spülen sich frei und verschwinden.

Beim Morgenkaffee beschlossen wir, eine kleine Wanderung zu unternehmen, nicht weit, auf einen kleinen Berg. Zuvor musste jedoch Wasser geholt werden, vom Wasserhäuschen mit Kanistern, denn in den Häusern hier im Dorf gibt es keine Wasseranschlüsse und auch keine normalen Toiletten, gewöhnungsbedürftig für jemand wie mich. Jedes Mal bin ich aufs Neue überrascht, wie schnell man sich daran gewöhnt, dass jeder Tropfen ins Haus transportiert werden muss, natürlich auch das Wasser für die Hunde. Dass einfach mal so Händewaschen eine Herausforderung ist, auch das Kochen, Abwaschen, Zähneputzen…von einer täglichen Dusche ist man hier weit entfernt. Max hat es besser getroffen, die Schule verfügt über eine Dusche und eine Waschmaschine, für alle anderen heißt es, sofern man sich diesen Luxus gönnen möchte, in die öffentliche Dusche zu gehen, wo auch riesige Waschmaschinen stehen.

Wir versorgten die Hunde und marschierten dann los, der Berg ist nur 400 Meter hoch, ein Zwerg zwischen all den wirklich hohen Bergen mit ihren markanten Zacken, typisch für Ostgrönland. 

Doch diese Wanderung allein hatte es schon in sich, scharfe Steine, glatte Felswände, Geröll, wenn es über Flechten und Moose geht, muss man aufpassen, wohin man seine Füße setzt, denn überall lauern versteckte Löcher im Boden. Eigentlich möchte man den Kopf immer nur hochhalten, um die Schönheit der Natur zu genießen, das Meer mit den Eisbergen, die Berge, die Sonne, die sich funkelnd im Eismeer wiederfindet. Doch weit gefehlt, die Augen am Boden, wachsam, wohin man tritt, denn hier zu wandern ist gefährlich und ich spreche nicht von Eisbären, denn die sind in dieser Jahreszeit nicht so nahe an menschlichen Behausungen.

Ich wunderte mich, wie gut ich konditionell aufgestellt bin, ich dachte nicht, dass ich so schnell und geschickt über diese karge Felslandschaft klettern kann…mein Zurückbleiben erklärte sich lediglich durch Stopps, die dem Fotografieren gewidmet waren. In Grönland habe ich mir meine tollen, großen Fotoapparate abgewöhnt, es muss schnell gehen und in die Jackentasche passen. Immer wieder nehme ich mir vor, nur wenige Fotos zu machen, doch die faszinierende Landschaft lässt mich alle meine guten Vorsätze schnell vergessen…

Vereinzelt waren noch Blumen zu finden, die Glockenblumen und andere kleine Schönheiten sagten dem arktischen Sommer langsam „Auf Wiedersehen“. Kleine, dunkle Beeren kauerten sich schüchtern im satten Grün…ich probierte sie, sie schmeckten gut, aber leicht bitter. Hier macht man damit unter anderem Salat, der zum Robbenfleisch serviert wird. 

Es ging steil bergauf, Geröll stolperte unter unseren Schritten zu Tal…klettern, springen, ich folgte Max mit seinem gewandten Schritt…endlich angelangt am „Gipfel“ gönnten wir uns eine Pause, aßen Kekse und tranken Saft und Wasser, hier hat das einfache Leben seinen Anker geworfen, man braucht nichts Aufwändiges, man lebt einfach und ist dankbar für jeden Tag. Ich merkte, wie ich hier immer mehr zur Ruhe kam, lernte von Max, ohne ihm dies jemals gesagt zu haben, mich auf das zu konzentrieren, was im Jetzt ist, was ich jetzt mache, eins nach dem anderen, dafür präzise und aufmerksam.

Die Landschaft war atemberaubend, die Sonne pinselte ihre Strahlen auf die bizarren Berge, das Inlandeis streckte seine Zunge über die Berge, das Meer spielte mit den Eisschollen und die Eisberge schaukelten träge vor sich hin, ab und an von lautem Donnern unterbrochen, die Eisberge kalbten, sprich sie brachen auseinander, die tonnenschweren Stücke rauschten ins dunkle Blei der arktischen See.

Von oben sahen wir das kleine Dorf, dessen bunte Häuschen im Grau der Felsen leuchteten.

Wir wanderten nach Hause…Max wollte noch seine Hunde füttern, die über den Sommer auf einer Insel untergebracht sind, eine Mutter mit vier großen Welpen, er ruderte mit dem Kajak, den Futtersack im Boot untergebracht. Dieser Mann lebt die Traditionen, die nicht einmal die Inuit im großen Stil mehr beherrschen. Früher war das Kajak überlebenswichtig, die engen Boote, aus Seehundfellen, absolut wasserdicht mit Fett gemacht, waren Kunstwerke, die das Überleben der Menschen sicherten. Heute kann kaum ein Inuit mehr ein Kajak rudern, geschweige denn die sogenannte „Eskimorolle“, die, wenn man sie beherrscht, beim Kentern lebensrettend sein kann. 

Max kann all dies noch und er unterrichtet auch die jungen Inuit darin – man halte hier fest: Er, der Südfranzose – so viel zum menschlichen Treibgut.

Ich nutzte die Zeit und machte mir Notizen, wusch das Geschirr ab, hier wird peinlichst unterschieden zwischen einem Lavoir zum Geschirr abwaschen und einem zum Händewaschen.

Wie erwähnt ist Max´ Haus ein Sammelsurium an Musikinstrumenten, von seinen Schülern gezeichneten Bildern, Hundefotos, Eisbärfell, geschnitzten Kunstwerken aus Knochen, diversen Kleidungsstücken, die hier lebensnotwendig sind und einer Unmenge an Büchern. Er ist eine Leseratte, wie auch ich und auf seine Empfehlung habe ich mir vor Jahren ein altes Buch bestellt, „Nordern Lights“, eins von vielen über Polarexpeditionen, die ich alle verschlungen habe.

Max macht Karate, spielt wie gesagt Klavier, bis vor Kurzem hatte er noch ein altes Handy, aber die neue Zeit verlangte ihm ein Smartphone ab…das er nun gerne nutzt, aber wie auch ich, mit Bedacht.

Ein Dorf im Wandel

Den Abend verbrachten wir mit langen Gesprächen. Max zeichnete eine erschreckende Wirklichkeit vom wahren Leben hier, das fern jeglicher Romantik ist, die diese malerische Einöde vorzugeben meint.

Die Lebensumstände verändern sich dramatisch in Ostgrönland und niemand, der diese scheinbare Naturidylle besucht, weiß davon. 

Die Hintergründe erfährt man nur, wenn man tiefer in die Materie vordringt, Menschen kennt, die hier schon lange wohnen und die die Abwärtsspirale der Lebensumstände für die lokale Bevölkerung genau beobachten und selbst miterleben.

Die bunten, kleinen Häuschen wurden in den 50er-Jahren für die Menschen hier vor Ort gebaut, damit sich ihre Lebensverhältnisse verbessern, denn davor lebten sie in dunklen, ungesunden Torfhäusern. In Ostgrönland gab es nie sogenannte Iglus, die schweren Stürme hier hätten sie schnell zerstört.

Nun kaufen die Touristenagenturen leerstehende Häuser auf, schneller als die Einwohner auf eventuelle Verkaufsangebote reagieren können, renovieren sie und vermieten sie an Touristen. 

Unter der Hand wird darüber gesprochen, dass man generell die Inuit aus Ostgrönland vertreiben will, sogenannte Museumsdörfer wären dann die gruselige Zukunft – Touristen sehen ein malerisches Bild mit Schauspielern, die gar nicht mehr hier leben. 

Dieses Szenario ist gar nicht so unwahrscheinlich, denn die einzige Fluglinie, die Ostgrönland direkt anfliegt, ist die Iceland Air und sie stellt, wie ich bereits schrieb, immer mehr Flüge ein.

Es gibt somit für die Menschen hier nur mehr den längeren und teureren Umweg über die Westküste, um nach Island oder Dänemark zu kommen, wohin viele immer wieder einmal reisen.

Auch für die Touristen wird Ostgrönland in diesen Monaten unattraktiv, sie reisen stattdessen lieber an die Westküste.

Das einzige Hotel in Kulusuk, bei Ostgrönlands Flughafen, ist für herkömmliche Gäste fast immer geschlossen, denn amerikanische Agenturen haben es ganzjährig gebucht, damit ihre Gäste, die zum Helikopterskiing kommen, jederzeit eine schöne und angenehme Unterkunft haben.

Lokale Hotelgäste werden fast gar nicht mehr aufgenommen, „tut uns leid, ausgebucht“, heißt es dann, wenn Leute am Flughafen festsitzen, weil etwa der Flug wegen Schlechtwetter abgesagt worden ist. Das Hotel ist leer, aber gebucht, niemand wird eingelassen, ein Drama für die Menschen hier.

Das Helikopterskiing nimmt seit Jahren überhand, meist amerikanische Touristen, die einsame Berge suchen, buchen diese Attraktion, die Preise sind atemberaubend – 4 Tage etwa kosten an die 15 000 Euro.

Ein eigens gebuchter Helikopter bringt die vermögenden Gäste täglich mehrmals auf verschiedene Berggipfel, damit sie die unberührten Hänge auf Skiern runterfahren können.

Die täglichen Flüge stören nicht nur die Bewohner hier, sondern auch die Tierwelt – eigentlich ein Drama, bei dem es einmal mehr nur ums Geld geht.

Was immer augenscheinlicher wird – die lokale Bevölkerung stört den Tourismus, eine dramatische Entwicklung für eine vor nicht allzu langer Zeit völlig unberührte Gegend mit ihren menschlichen und tierischen Bewohnern.

Der fünfte Tag

Was die Schlittenhunde so besonders macht

Es ist Sonntag, Max spielt an diesem Tag immer die Orgel im Schulzimmer, das für diesen Tag zum Kirchenraum umfunktioniert wird.

Ein Priester hält die Messe für die wenigen Menschen, die noch teilnehmen, ein Altar wird eigens aufgebaut, Lieder werden gesungen – eine ganz normale Messe.

An diesem Tag kam nur eine ältere Dame, die am Stock geht, mühsam war ihr Weg bis zum Schulgebäude, hier sind die Straßen nicht asphaltiert, es geht bergauf und bergab, aber ihr war die Messe sehr wichtig.

Wer jedoch nicht kam, war der Priester, anscheinend ahnte er, dass kaum jemand an diesem Sonntag erscheinen würde, um gemeinsam zu beten. Max wartete an der Orgel, auch ich wollte an der Messe teilnehmen und ich hatte Max schon vorher gesagt, sollte nur ich anwesend sein, müsste der Priester die Messe nicht abhalten, ich würde ja ohnehin nichts verstehen, weil sie natürlich auf Grönländisch abgehalten wird. Die Frau war enttäuscht und machte sich wieder auf ihren mühseligen Heimweg, auch Max und ich waren fassungslos, wenigstens hätte der Priester kommen können, um zu sagen, dass er für eine Person keine Messe abhält. Ein beklemmendes Gefühl beschlich uns, Max schloss ab und wir gingen nach Hause. 

Gemeinsam fütterten wir wieder die Hunde, gaben ihnen Wasser, im Sommer bekommen sie jeden zweiten Tag Futter, das jedoch reichlich, oft ist es das Trockenfutter, das Robin Hood bezahlt hat. Dieses Futter ist hochwertig, enthält extra viel Fett und Eiweiß, damit es den Anforderungen der Schlittenhunde gerecht wird.

Die Hunde machten sich genüsslich über das Futter her. Max´ Hunde sehen alle sehr gut aus, jetzt im Sommer waren einige sogar etwas zu wohlgenährt. 

Im September verlieren sie immer noch Fell, ich befreite einige von den dicken Büscheln, was sie sich gerne gefallen ließen. Gerade der hübsche Chopin, den ich schon lange kenne, genoss die Fellpflege. Diese Hunde sind von Natur aus freundlich, jedoch sehr ungestüm und man muss schon über eine gewisse Standfestigkeit verfügen, wenn sie an einem vor Freude hochspringen.

Die grönländischen Schlittenhunde sind jedoch nicht nur freundlich, sondern auch äußerst klug, doch sie haben ihre Eigenheiten, die sie sich seit vielen Jahren aufgrund ihrer Nutzung angeeignet haben. 

Der grönländische Schlittenhund ist kein Kuscheltier, man muss ihn gut kennen, um Unfälle zu vermeiden.

Immer wieder gibt es Vorfälle, bei denen die Hunde mit ihrem Leben bezahlen, gleichgültig ob sie schuldig sind oder nicht.

Schlittengespanne, die Tasiilaq erreichen, werden üblicherweise außerhalb der kleinen Stadt am Eis angepflockt. Diese Eisfläche ist sehr dick und dient auch als Start und Ziel für das alljährliche Hundeschlittenrennen und viele Schlitten starten von hier ihren Weg ins Landesinnere.

Immer wieder sind auch spielende Kinder hier zu finden und ein Ereignis zeigte ganz besonders, wie gefährlich es für alle Beteiligten werden kann.

Eines Tages waren einige Schlittengespanne dort „geparkt“ und kleine Kinder spielten inmitten der Hunde Fußball. Natürlich erregte das die Aufmerksamkeit der Hunde, der Ball geriet unter die Hunde, ein Kind wollte ihn holen, war nahe bei den Hunden und begann jämmerlich zu schreien. Ein herannahender Schlitten mit seinem Hundeführer erkannte die Gefahr, schnappte das Kind und brachte es am Schlitten in Sicherheit. Sofort wurde das Kind ins Krankenhaus gebracht, weil es nicht zu weinen und schreien aufhörte. 

Die Polizei suchte nach einem Hundebesitzer und erklärte ihm, seine Hunde würden sofort erschossen werden, weil sie das Kind verletzt hatten. 

Der Hundehalter war fassungslos, eilte zu seinen Hunden und es stellte sich heraus, dass ein Hund von einem anderen Schlitten dem Kind zu nahe gekommen war, niemand wusste jedoch bislang, was dem Kind passiert war.

Die Polizei reagierte jedoch umgehend: Der Hund von einem Gespann wurde sofort erschossen und auch ein weiterer Hund von einem anderen Gespann, dessen Besitzer herbeigeeilt war, nur ein inständiges Bitten verhinderte, dass alle Hunde standrechtlich getötet wurden.

Der Hundebesitzer war sehr besorgt und eilte ins Krankenhaus, um zu sehen, was mit dem Kind geschehen sei, ob es noch lebte…ja, hieß es, es lebt, aber mehr dürfe man nicht sagen. Der Mann wollte jedoch unbedingt wissen, was geschehen war und fand endlich eine Krankenschwester, die ihm Auskunft gab – dem Kind war nichts geschehen, nicht einmal ein Kratzer. Zwei Hunde mussten ihr Leben lassen, obwohl sie nichts getan hatten. Deswegen ist es so wichtig, dass sich auch die Touristen nicht den Hunden nähern, denn egal was passiert oder nicht passiert, der Hund bezahlt fast immer mit seinem Leben.

Außergewöhnliche Überlebenskünstler

Dass diese Hunde über besondere Fähigkeiten verfügen, ist unbestritten…

Sie überleben mit extrem wenig Futter, kaum Wasser, oft ohne Schutz gegen Regen und Sturm, gebären ihre Jungen in Eis und Schnee und selbst die winzigen Welpen trotzen tapfer diesen widrigen Umständen. 

Die erwachsenen Hunde sind an der Kette, sie können kein Futter suchen, sie können sich nicht warm laufen…unglaublich, was diese Hunde ertragen und selbst dann laufen sie kilometerweit am Schlitten ohne müde zu werden.

Eine weitere fast unglaubliche Geschichte hat mir Max von seinen Hunden erzählt.

Es war eine eisig kalte Winternacht, als er mit seinen Hunden von Tasiilaq nach Hause, nach Tiniteqilaaq, fuhr. 

Normalerweise sind die Hunde folgsam, eigenwillig zwar, wie eben Schlittenhunde sind, aber sie sind ein Team mit ihrem Menschen, doch die Hunde gingen diesmal durch, keine Chance, sie zu halten.

Max dachte an einen Eisbären und griff zum Gewehr, dies ist in diesen Breiten obligatorisch, auch wenn wir hier dazu eine andere Meinung haben, doch Eisbären können gefährlich werden.

Der Schlitten raste durch die nächtliche Landschaft und Max hatte keine Chance…wohlwissend, dass ein tiefer Abgrund lauerte, auf den die Hunde unaufhörlich zusteuerten – in diesen zu fallen, wäre der sichere Tod für alle.

Die schwarze Nacht hüllte Mensch und Tier ein und immer näher kam der todbringende Abgrund –  jedoch knapp davor änderten die Hunde die Richtung und schwenkten nach links in einer scharfen Kurve, der Schlitten stolperte über die Hügel, als die Hunde abrupt stehenblieben. 

Was war geschehen?

Ein Mann lag im Schnee, bereits fast erfroren…schnell hob ihn Max auf den Schlitten, gab ihm etwas Warmes zu trinken und hüllte ihn in eine warme Decke ein.

Schnell wie der Wind lief die pelzige Rettungstruppe der Schlittenhunde zur nächsten Siedlung, wo Max den Mann in Sicherheit brachte. 

Dieses Erlebnis zeigt, über welche unfassbaren Fähigkeiten diese Hunde verfügen, sie haben diesen Menschen in Not über Kilometer aufgespürt, in Eis und Schnee. 

Ich habe vor diesen Tieren vollsten Respekt, ohne sie hätten auch die Inuit in all den hunderten von Jahren in unglaublicher Kälte nicht überlebt.

Leider sinkt die Hundezahl wie gesagt stetig, der Motorschlitten hat Einzug gehalten und ersetzt die treuen, tierischen Gefährten.

Jahrhundertelang überlebten die Inuit nur dank der Hunde, ob man sich am kalten Blech eines Motorschlittens, dem der Treibstoff ausgegangen ist, erwärmen kann? Ein Motorschlitten steht ohne Treibstoff, ein Hund läuft bis zum letzten Atemzug, auch wenn er tagelang kein Futter bekommen hat. Aber die Menschen finden es praktischer, nur den Zündschlüssel umzudrehen, anstatt die Hunde mühsam in die Brustgeschirre zu bekommen, die Seile zu entwirren, den schweren Schlitten zu bewegen, alles Fakten, die richtig sind, doch was, wenn…? Der Hundeschlitten ist leise, stört die Natur nicht, der Motorschlitten ist mit seinem Motorgeheule von Weitem hörbar. 

Leider ist es auch kaum mehr möglich, hier ein Haus zu kaufen. Die großen Touristenagenturen kaufen alles auf…sie besuchen selbst kranke Leute, um sie vom Verkauf nach ihrem Tode zu überzeugen. Einheimische haben fast keine Chance mehr, ein Haus zu bekommen. Unweit von Tiniteqilaaq befindet sich auch das amerikanische Camp, bestehend aus luxuriösen Zelten, die wie Jurten gebaut sind. Dort bekommen die reichen Touristen alles, was ihr Herz begehrt, selbst Gemüse und Früchte, von denen die lokale Bevölkerung nur träumen kann…was übrig bleibt, bekommt die Schule – immerhin.

Am Nachmittag kamen einige kleine Boote im winzigen Hafen an, Touristen, die begleitet von den Reiseführern eine kleine Dorfrunde drehten.

Von Max´ beiden Küchenfenstern beobachteten wir ein merkwürdiges Szenario. Das kleine Dorf lag schläfrig in der Septembersonne, die Hunde waren ruhig, einige Kinder spielten Fußball…sonst war niemand zu sehen von den etwa 60 Einwohnern. Das ruhige Wetter ließ auch die Natur innehalten, selbst die Fliegen waren zu müde, um sich aus den sonnenwarmen Ecken zu bewegen.

Nicht so die Touristen, denen vermeintliche Schauergeschichten von der Gefährlichkeit Ostgrönlands berichtet wurden. Sie verharrten und lauschten den Reiseführern, die, wir trauten unseren Augen kaum, schwer bewaffnet die wenigen Schritte vom Hafen ins Dorf liefen, in ihren Rucksäcken Gewehre verstaut, griffbereit zur Verteidigung gegen wen oder was auch immer.

Die armen Leute, die reich an Geld vieles dafür ausgeben, um Ostgrönland in wenigen Tagen zu erkunden, was gleichsam unmöglich ist, wanderten den kurzen Weg zum alten Friedhof, wo unter Steinen mit schiefen Holzkreuzen versehen, Menschen aus diesem kleinen Dorf ihre Ruhestätte gefunden haben. Ein älteres Ehepaar blieb zurück, der Mann ging auf Krücken und konnte den steilen Weg nicht schaffen, so saßen sie in der Sonne und warteten auf den Rest der Gruppe. Wir griffen sogar zum Fernglas, um uns der Gewehre zu versichern. Was wird den Menschen erzählt? Dass dieses Dorf an einem Septembernachmittag, der warm und ruhig in ein wunderbares Abendrot verläuft, wo die Eisberge träge, aber stetig in Bewegung, ein atemberaubendes Schauspiel aus allen Tönen von Rosa, Orange, Purpur und Burgunderrot geben, von Heerscharen von Eisbären und anderen gefährlichen Tieren heimgesucht wird? 30 Minuten, dann kehrten sie auf die Boote zurück, beeindruckt von der Entlegenheit und Einfachheit einer Welt, die so anders ist, dass sie mit ihrer Heimat absolut nichts zu tun hat. Was werden sie erzählen daheim? Welche Märchen werden ihnen eingetrichtert? Ich habe vieles gelernt in all den Jahren, seit ich nach Ostgrönland komme. Ich wusste nichts, reimte mir einiges zusammen, hatte meine eigenen Ansichten, die allesamt falsch waren. Ich lernte in den vielen Jahren viele unterschiedliche Menschen kennen, lauschte ihren Geschichten, Beweggründen, Erfahrungen, vieles habe ich selbst erlebt und ich wage nicht zu behaupten, alles zu wissen. Doch ich habe gelernt, wie die Menschen hier leben, wie sie sich immer mehr von jenem Leben entfernen, das sie eigentlich ausgemacht hat, dem wunderbaren Einklang mit der Natur, dem Leben mit den Tieren, selbst wenn sie auf die Jagd gingen, ihre Hunde ein äußerst hartes Leben führen mussten, waren sie doch alle eine Einheit, die nun langsam zerbricht.

Mich macht das sehr traurig, ich kenne Ostgrönland noch aus den Jahren davor, wo vieles anders war. Robin Hood hat für die Hunde, die nachweislich immer weniger werden, vieles erreicht und sie sehen mittlerweile tatsächlich besser aus. Ich maße mir nicht an, dass dies allein unser Erfolg ist, aber wir haben doch dazu beigetragen und tun dies immer noch, dass die Schlittenhunde ein besseres Leben führen dürfen. Vielleicht fragt sich manch einer, warum unterstützen wir Hunde, die per Gesetz an der Kette leben müssen, warum setzen wir uns dafür ein, dass diese Hunde weiterhin gehalten werden? Eine schwierige Frage, die nicht einfach zu beantworten ist.

Doch ich sehe die Kraft, den Willen dieser Hunde, die Freude, wenn sie vor den Schlitten gespannt werden, die Liebe zu ihren Haltern, selbst wenn diese sie nicht immer so gut behandeln, wie etwa Max das tut. Ich habe gelernt, dass diese Hunde völlig anders sind als jene Hunde, die ich kenne, egal ob in Österreich, Rumänien, Albanien, Armenien oder im Irak – sie sind unvergleichlich und deswegen möchte ich sie schützen, sie sollen nicht einfach verschwinden, dazu sind sie zu wertvoll, zu ungewöhnlich.

Der sechste Tag

Hundeschicksale und erste Versuche im Kajak

Wie erwähnt, im Dorf haben die Häuser keinen Wasseranschluss, nur die Schule und ein Gebäude, in dem die öffentliche Dusche untergebracht ist, verfügen über fließendes Wasser.

Heute gönnte ich mir eine Dusche…ich betrat das graue Gebäude, hier hieß es Schuhe ausziehen, riesige Waschmaschinen waren zu sehen und eine ältere Dame wusch ihre Wäsche. Im Nebenraum saß eine freundliche Inuitfrau, die umgerechnet 6,70 Euro kassierte und mir erklärte, ich möge bitte warten, zumindest interpretierte ich das so. Die Dusche war besetzt, nach einer Weile kam ein Mann raus und die Frau machte sauber und dann war ich dran…ein großer Raum, zwei saubere Duschen, es war warm hier. Ich wusch mir auch die Haare, wer weiß, wann ich wieder dazu kommen würde. Mit nassem Haar ging ich nach Hause, es war ja Sommer, auch in Grönland, die Sonne schien und es hatte sicher so um die 12 Grad. 

Die alte Hündin

Am späteren Vormittag wanderte ich durch das kleine Dorf und fand hier noch hinter den Häusern die Hunde. Im Gegensatz zu Tasiilaq, wo es nicht mehr erlaubt ist, mehr als zwei Hunde beim Haus zu halten und es vorgeschrieben ist, sie zum Hundeplatz zu bringen, gilt dieses Gesetz hier nicht. 

Ich fand eine alte Hündin, sie hatte eine Hundehütte von uns, aber diese war vollgepackt mit altem Kinderspielzeug, sie hatte kein Dach und bot somit keinerlei Schutz für den armen Hund. 

Die Hündin war an einem kurzen Seil angebunden, der Wassereimer neben ihr war, wen wundert es, natürlich leer…Sie hatte Futter, es schien sich um Essensabfälle der Familie zu handeln, die achtlos in den eigenen Kot des Hundes geworfen wurden. 

Aus alten, müden Augen blickte sie mich traurig an, ich war unsicher, was ich tun sollte, denn die Bewohner waren unmittelbar daneben, einen Streit wollte ich nicht anzetteln. Doch es ließ mir keine Ruhe, in meiner Thermosflasche brachte ich Wasser, das sie gierig trank, doch es war zu wenig, also schnappte ich mir einen von Max´ Kanistern, ging zum Wasserhäuschen und befüllte ihn. Zurück bei der Hündin gab ich ihr das Wasser in ihren alten Eimer…und brachte auch noch Trockenfutter aus dem Lager von Max…das Futter hatte ohnehin Robin Hood gekauft, also ging das in Ordnung. Ein Gedanke kreiste in meinem Kopf, ich wollte die Hündin retten. Was wäre, wenn ich sie den Leuten abkaufe? Max winkte gleich ab, er erklärte mir, dieser Hund ist der letzte Schlittenhund, den die Leute haben und sie lieben ihn, für mich erschien das nicht logisch…aber ein Argument überzeugte mich dann doch. Max erklärte mir, würde er diese Hündin, die alt ist, zu seinem Rudel bringen und ein Hund würde sich von seinen Hunden losreißen, würde sie sofort getötet werden. Das sah ich ein, aber ich schlug vor, dass die Hundehütte renoviert wird. 

Wir wollten ohnehin mit den Schülern neue Hundehütten im Dorf bauen, Max wird das Holz bestellen und die Hütten mit den Kindern bauen, im Zuge dessen wird auch die Hündin wieder eine anständige Hundehütte haben, ich werde dranbleiben, denn vergessen kann ich diesen Hund nie wieder…

Jeden Tag bekam sie nun von mir Wasser und Futter und ich kümmerte mich nicht mehr darum, ob mich jemand sah…verstohlen stecke ich ihr auch ein paar Kekse zu, dass das nicht gesund ist, wusste ich, aber sie freute sich darüber und verputzte alles mit Genuss.

Eine Zukunft für Armstrong

Max liebt seine Hunde, Chopin, Student, Nuja, Armstrong…alle Hunde haben Namen, auch das ist nicht selbstverständlich. 

Chopin und Armstrong kenne ich noch aus den letzten Jahren, der schwarze Armstrong ist eine Schönheit, doch er ist für grönländische Verhältnisse in die Jahre gekommen, mit 8 Jahren zählt hier ein Schlittenhund zum alten Eisen.

Schon im Winter sprach Max davon, ihn wegzugeben, ich war schockiert und habe es nicht verstanden. Immerhin wird er nicht erschossen, so wie sonst hier üblich, sondern Max hatte mich gefragt, ob ich ihn adoptieren möchte. Ein echter grönländischer Schlittenhund, dieses Angebot war trotz der widrigen Transportbedingungen sehr verlockend, denn immerhin würde ich ihm damit das Leben retten.

Doch Max hatte noch eine zweite Lösung im Ärmel seiner dicken Winterjacke: Ein Freund in der Bretagne in Frankreich, – immerhin eine etwas kühlere Gegend als bei mir – der Armstrong schon seit Jahren kannte und diesen Hund liebt, will ihn adoptieren. 

Doch diese Reise gestaltet sich als äußerst schwierig, Hunde aus Ostgrönland dürfen nicht über Island fliegen, das heißt, sie müssen nach Westgrönland, aber auch in Nuuk dürfen sie nicht am Flughafen sein, weil das unterhalb des Sleddog Districts ist, wo keine Schlittenhunde erlaubt sind (darüber dürfen aber keine „normalen“ Hunde sein), was also tun? Zunächst war ja der Plan, Armstrong fliegt über Island und ich sollte ihn von Ostgrönland nach Island bringen, doch, wie erwähnt, das war eine Fehlanzeige. 

Als ich vor Ort war, Anfang September, legte ein Segelboot in Tiniteqilaaq an, das aus Frankreich kam und auch wieder dorthin zurücksegeln würde, an Bord zwei Touristen. Der Plan war, Armstrong sollte mitsegeln, der Kapitän zeigte sich sehr hilfreich und wollte Armstrong an Bord nehmen. Ich war von dieser Idee wenig begeistert, was wäre, wenn etwas passiert, wer kümmert sich um den armen Hund? Max sah dies jedoch als einzige Lösung und obwohl auch dieses Boot in Island vor Anker gehen musste, stellte sich heraus, dass Armstrong, sofern er das Boot nicht verlässt, mitkommen dürfe. Wehe ihm, wenn er nur eine Pfote auf isländisches Land setzt, dann würde er getötet, so lautet das Gesetz. 

Der Kapitän musste noch die Erlaubnis des Schiffeigners einholen und somit hieß es warten…die Tage vergingen, keine positive Meldung kam und auch die Touristen, die mit an Bord waren, wollten keinen Hund mitnehmen. 

Ehrlich gesagt, ich war froh darüber und es kristallisierte sich eine Lösung heraus, die für alle Beteiligten die beste zu sein scheint.

Max´ Freund wird von der Bretagne im nächsten Jahr nach Ostgrönland segeln und Armstrong kommt an Bord. Meine Idee war, dass es doch gut wäre, Max käme mit, da er ohnehin jedes Jahr seine „alte“ Heimat Frankreich besucht. Somit wäre Armstrong in sicheren Händen und Max bei ihm, bis alle in der Bretagne ankommen. 

Max war angetan von dieser Idee, aber es stellte sich die Frage, wer kümmert sich um seine Hunde in Grönland? Ich bot ihm an, mir die Sache zu überlegen und einen Monat vor Ort zu bleiben, seine Hunde zu versorgen und das Haus gleich mit…eine verlockende Idee, über die wir noch nachdenken müssen… 

Für mich stellte sich vor Ort immer die Frage, was koche ich heute? Denn Max war als Lehrer in der Schule und mit der Essenszubereitung wollte ich einen kleinen Beitrag leisten, weil ich ja immerhin gratis bei ihm wohnen durfte. 

Doch der kleine Supermarkt gab nicht sehr viel her…und ich als Veganerin bin da schnell an meine Grenzen gestoßen. Die alten Kartoffeln, Nudeln, etwas Dosengemüse…irgendwie schaffte ich es doch täglich, etwas zu kochen. Max hatte auch Brot gebacken und wir füllten es teilweise mit der veganen Schokolade, die ich mitgebracht hatte…somit hatten wir auch süßes Gebäck.

Meine ersten Versuche im Kajak

Max ist noch einer der wenigen, der das Kajak als Transportmittel benutzt, seine Hunde auf der Insel werden damit mit Trockenfutter versorgt, er kann perfekt damit umgehen und beherrscht wie gesagt auch die sogenannte „Eskimorolle“, die nur mehr wenige Inuit können, doch sie war in der Vergangenheit lebensrettend, kam man mit dem Boot kopfüber unter Wasser, konnte man sich damit retten. Es gibt sehr viele unterschiedliche Arten und Max beherrscht sie alle. Er unterrichtet auch seine Schüler im Kajakfahren und somit war auch ich an der Reihe, als er mich fragte, ob ich es denn versuchen wollte.

Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen, ich habe vom Bootfahren null Ahnung und bei einer Wassertemperatur von 2, 3 Grad ist das Ganze nicht sehr verlockend. Aber ich wollte kein Hasenfuß sein und sagte zu. Zunächst musste das Kajak zu Wasser gelassen werden, es sei ja nicht schwer, meinte mein Lehrer…naja…gemeinsam schleppten wir es über steile Felsen ins Wasser, zum Glück hatte ich die Gummistiefel eingepackt. Max erklärte mir, wie man sich in ein Kajak setzt, es ist ein breites, normales Boot, keins der extrem schmalen Inuitkajaks, in dem man kaum das Gleichgewicht halten kann. Wir blieben am Ufer und Max an meiner Seite, schnell merkte ich, dass das Ganze wirklich Spaß macht und dann war meine erste Übungsfahrt, einige Meter hin und zurück, etliche Wiederholungen, schon wieder vorbei. Einfacher als gedacht, doch am offenen Meer, bei Sturm und hohen Wellen kann ich mir das nicht vorstellen.

Ich durfte noch ein weiteres Training erleben, bei dem ich mich schon allein in der sicheren Bucht fern vom Ufer befand, Max mit einem anderen Kajak war in meiner Nähe. Es gelang mir bereits, den Eisschollen auszuweichen, aber mir war klar, dass ich noch viele Trainingsstunden benötigen würde, um sicher im Meer manövrieren zu können. Aber es hatte mir großen Spaß gemacht und gerne hätte ich noch länger das Kajakfahren geübt. 

In Grönland lerne ich immer wieder von Neuem die kleinen Dinge zu schätzen, ein Keks, ein Schluck Kaffee, auf meiner dürftigen Matratze ausgestreckt im Warmen zu liegen, ich brauche kein Luxushotel, keine ausgefallenen Gerichte, keinen Konsumrausch. Die Natur belohnt mich hier auf ihre Weise und ich bin dankbar, dass ich hier sein darf, obwohl es alles andere als Urlaub ist und mein Herz die schwere Last trägt, die das Leid der Tiere mit sich bringt. 

Der siebente Tag

Bei den Hunden im Dorf

Max war in der Schule, ich holte Wasser, für uns und für die Hunde, befüllte alle Kanister, was einige Zeit in Anspruch nahm, da ich mehrmals gehen musste und die Kanister die steinige Straße bis zum Haus hochschleppte. 

Dann versorgte ich „meine“ Hunde, die Mutter mit ihren Welpen, die alte Hündin, kontrollierte die Wassergefäße von Max´ Hunden, wusch das Frühstücksgeschirr und ging wieder einmal einkaufen. Der kleine Supermarkt ist nahe und ich genoss den kurzen Weg, vorbei an den bunten Häusern, die Einheimischen erwiderten freundlich meinen Gruß und lächelten mich an, welche Idylle könnte man hier vermuten, wenn man nicht die Hintergründe kennen würde.

Der Supermarkt war einmal mehr eine Herausforderung für mich, das Angebot wie immer gering…ich entschied mich dafür, Spaghetti zu kochen und kaufte zwei Dosen Bier, oder besser gesagt ich wollte…doch Bier gibt es erst nach 10 Uhr am Vormittag zu kaufen, vorher nicht, warum, das erschloss sich mir nicht. 

Die Sonne schien, ein für grönländische Verhältnisse warmer Septembertag. Ich dokumentierte die Hunde, fand ein Rudel irgendwo zwischen den Häusern, verwickelte Ketten, die Hündin konnte sich kaum bewegen, ein älterer Welpe, bereits an der Kette, mitten im Müll. Ordentlich ist man in Grönland nur im Haus, rund um viele Häuser sieht es schrecklich aus. Alles wird weggeworfen, die Hunde sitzen nicht selten auf alten Brettern, aus denen Nägel ragen, ausrangierte Kinderwägen, Gummistiefel, Fahrräder, kaputte Eimer…Ich machte Fotos und mir war klar, dass man mich beobachtet. Am Abend erzählte ich Max von den Hunden und er erklärte mir, die Hunde gehörten einem ehemaligen Schüler, einem jungen Burschen, der noch nicht genau wusste, wie er mit den Hunden umgehen soll. Doch zu meiner Freude sah ich ihn dann mit einem Wasserkanister und einem Sack Trockenfutter gehen, er löste die verwickelten Ketten und hing die Hunde um, so dass die Ketten frei blieben. Vielleicht hatte er mich doch beobachtet und ein schlechtes Gewissen bekommen? Ich war froh für die Hunde, dass sie Wasser und Futter bekommen hatten.

Ich besuchte den Friedhof, er war hier auch sehenswert, wie überall sind die Gräber aus Steinhaufen gebaut, schiefe Holzkreuze, geschmückt mit Plastikblumen, am Eingang drei Holzhüttchen, sehr klein, gerade so, dass ein Mensch reinpasst…ich mutmaße, dass hier die Toten gelagert werden, bis die Witterung ein Begräbnis zulässt. 

Ich spazierte über die Felsen, an der Dorfmüllhalde vorbei, Richtung Meer und fand viele Knochen, meist von Seehunden. Natürlich konnte ich nicht widerstehen, welche einzupacken, Unterkiefer mit kleinen Zähnen von Seehunden, von Sonne und Salz gebleichte Wirbel…Federn…meine Sammlung ist bereits beträchtlich, bei jedem Aufenthalt in Grönland entdecke ich neue Schätze, die meine Souvenirs sind.

Die Zeit verging wieder einmal viel zu schnell, ich zählte die Tage und meine Abreise näherte sich mit Riesenschritten, was meine Laune trübte, denn immer wenn ich hier bin, kann ich mir vorstellen, für ganz lange zu bleiben, trotz der Entbehrungen, trotz des Tierleids, dem ich täglich begegne, doch dieses Ostgrönland hat irgendetwas, das mich fesselt, das in mir den Wunsch weckt, einfach hierzubleiben, eines dieser kleinen Häuschen zu bewohnen, Hunde zu haben und ein völlig anderes Leben zu führen. Doch natürlich muss ich zurück in mein altes Leben, meine Hunde warten und 1000 andere Aufgaben, die ich zu bewältigen habe, andere Tiere, andere Schicksale, anderes Leid, doch einfach hierbleiben, das Wetter die Tage bestimmen lassen, ohne Dusche, ohne „normale“ Toilette, ohne alles kaufen zu können, wonach das Herz begehrt, aber stattdessen zu lernen, einen Schlitten zu lenken, ein Kajak zu führen, sich durch Eis und Schnee zu schlagen…all das würde ich noch gerne lernen in meinem Leben…

Der achte Tag

Schulbesuch

Heute durfte ich in die Schule, eine Handvoll Kinder warteten mit neugierigen Augen auf mich. Lehrer Max erklärte, wer ich bin, warum ich hier bin. Ich zeigte auf der Landkarte, wo Österreich ist, wo Rumänien ist, die Kinder blickten ungläubig, sie hatten wohl noch nie von diesen Ländern gehört.

Wir führten ihnen einen kleinen Film über das rumänische Tierheim vor und dann noch einen über ihre Heimat, mit den Schlittenhunden, geschnitten aus dem Material, das ich in Grönland, auch in ihrem Dorf, aufgenommen hatte, sie lachten, als sie die Hunde sahen, die sie kannten. Die Mädchen waren mutiger, die Buben saßen verschlossen in ihren Bänken, sagten kein Wort, aber die Mädchen schwatzten und lachten…zum Schluss machten wir noch ein Gruppenfoto. Ich verließ die kleine Schule und dachte darüber nach, welche Zukunft diese jungen Menschen wohl haben werden. 

Ein Nachmittag mit den Hunden auf der Insel

Am Nachmittag fuhren wir mit Max´ Freundin und deren Kindern im Boot zur Insel, wo die Hunde waren, sie mussten gefüttert werden und alle wollten fischen gehen. Als wir uns näherten und die Hunde uns entdeckten, sausten sie den Berg zum Meer hinunter, hüpften ins Wasser, toll vor Freude. Als Max mit dem Futtersack kam, kannten die Hunde kein Halten, machten sich hungrig über das Futter her, die Mutter mit vier schon großen Welpen. Welche nette Gesellschaft hatte ich nun, die allein auf der Insel blieb…ich war nicht traurig darüber, nicht beim Fischen dabei zu sein, viel lieber lief ich mit den Hunden über die Insel, diese natürlich ungleich schneller als ich, sie leckten an Eis, das vom Meer ans Ufer gespült worden war und erinnerten mich an kleine Kinder, die sich mit einem leckeren Eis den Sommertag versüßten.

Wie wunderbar war es hier, wie schön war es, die Zeit mit den Hunden zu verbringen, die mich überhaupt nicht kannten und doch völlig unvoreingenommen bei mir saßen, wir genossen gemeinsam den Ausblick, die Sonne und die warme Luft.

Viel zu schnell kamen Max und die Familie zurück, wie gerne wäre ich noch hier geblieben, mit den Hunden am Ende der Welt, das alles andere so fern entrücken lässt.

Wir fuhren zurück übers Meer, der Wind schlug uns ins Gesicht, die Sonne strahlte hell, Rosalia steuerte geschickt das Boot und ein paar tote Fische blickten mich mit leeren Augen traurig an. Es machte mich schwermütig, doch ich wusste, dass die Jagd und Fischerei hier noch eine völlig andere Bedeutung als in unserer hochzivilisierten Welt haben, wo sie nur mehr ein reines Hobby sind, das eigentlich keiner braucht. 

Am Abend kamen Rosalia und die Kinder und übernachteten im Haus, wie schade, dass ich nicht mit ihnen sprechen konnte, ich würde mich gerne mit Rosalia unterhalten haben, so lächelten wir uns immer wieder an und das war leider unsere ganze Kommunikation.

Die Kinder bekamen Pfirsiche aus der Dose und ein Butterbrot, ich dachte mir, was unsere Kinder wohl dazu sagen würden…

Draußen wurde es dunkel, die Eisberge zeichneten sich schemenhaft vor den grönländischen Bergen ab, es war ruhig, nur ab und zu unterbrach das Bellen der Schlittenhunde die Stille. Was hatten diese Berge wohl schon alles gesehen? Wie viele Winter, Schneestürme, Eiseskälte hatten sie erlebt? Grönland, die größte Insel der Welt, lässt einen sanft erschauern, wenn man sich bewusst wird, wie schwer es für die Menschen war, hier zu überleben. 

Ihre Kultur ist die Überlebenskunst unter diesen Bedingungen, sie hatten gelernt, aus nichts etwas zu machen, aus Knochen, Fellen, Stein und Moos ihren Alltag zu gestalten. Keine Bäume, keine Baumaterialien, kein Brennholz, Eiseskälte, Stürme, die mit mehr als 200 Kilometern pro Stunde alles niederreißen, Hunger, wenn die Jagd keinen Erfolg brachte, wenn keine Fische zu fangen waren…wir haben Kirchen gebaut, Dome und Schlösser, die Inuitkultur ist eine ganz andere, sie haben hier überlebt, Kinder groß gezogen und ein völlig anderes Leben gelebt, das einfach unvorstellbar für uns ist. Einmal mehr muss man betonen, dass die Hunde dabei eine große Rolle gespielt haben, ohne sie wäre das Überleben kaum möglich gewesen, sie waren immer da, selbst mit einem Minimum an Futter, unter unvorstellbaren Anstrengungen haben sie das Überleben dieser Menschen gesichert. Vielleicht ist das für mich mit ein Grund, sie zu bewahren, ihr Leben zu verbessern, sie als Monument zu sehen, das eine Kultur überleben hat lassen, sie dürfen nicht einfach so verschwinden, weil das Umdrehen eines Schlüssels in einem Motorschlitten so viel einfacher ist.

Der neunte Tag

Etwas Schnee und letzte Besuche

Die Sonne war verschwunden und es schneite ganz leicht, matschig, Septemberschnee, der nicht bleibt. Immer wieder mischte sich Regen dazwischen und schnell merkte man, der Winter naht, ein Segen für die Hunde, es gibt wieder mehr Wasser, das sich in Pfützen sammelt, die endlose Kettenpflicht wird durch Schlittenfahrten unterbrochen – Freude pur für diese Hunde.

Die Mutterhündin sah deutlich besser aus, sie aß mit Appetit und verbiss die großen Welpen, die sich neugierig näherten. Ihre eigenen Babys lagen in einer Ecke in der Hundehütte und warteten auf die Mutter, deren Leben ich wohl gerettet habe…und mit ihrem Leben auch jenes ihrer Kinder. Ohne Wasser hätte sie es nicht mehr lange geschafft, ich freute mich, sie munterer zu sehen und suchte ein Wassergefäß für ihre Nachbarin, die zwar besser aussah, aber auch an einer Kette hing, in die sich zu allem Übel noch ein Kindersitz, weiß Gott woher, verwickelt hat. Ich löste den Müll aus ihrer Kette, gab auch ihr wieder Wasser und Futter und auch ihren Kindern, die noch frei laufen durften und lustig an mir hochsprangen. 

Unweit davon hingen drei traurige Hunde an den Ketten, grau und nass, aber endlich hatten sie wenigstens Wasser, das sie aus Pfützen tranken. Ich redete mit ihnen und sagte, dass nun bald alles besser wird, der Schnee wird kommen, mit ihm die Möglichkeit, der Kette zu entfliehen und auch mehr Nahrung, denn im Winter werden die Hunde naturgemäß besser versorgt.

Mein Abschied nahte und schweren Herzens besuchte ich alle Hunde im Dorf, auch die liebe alte Hündin, die wieder einmal kein Wasser hatte…ein toter Rabe, halb vergammelt, lag bei ihr, sollte das das Futter für sie sein? Ich gab ihr Wasser und fütterte sie mit Spaghetti, die von unserem Essen übrig geblieben waren, gierig schlang sie das ungewohnte Essen in sich hinein, zurückhaltend begegnete sie meiner Zuneigung, sie kannte das nicht. Wie gerne würde ich sie von dem kurzen Seil holen und mit nach Hause nehmen, ihr ein Leben voll Liebe bieten, jeden Tag gutes Futter und genug zu trinken. Sie war immer ein treuer Schlittenhund und muss ihre letzte Zeit einsam und voller Entbehrungen verbringen. Sie hängt schon Jahre allein vor diesem Haus, denn ich kenne sie noch von früher, doch ich habe keine Chance, wie soll ich sie befreien, selbst wenn ihre Besitzer sie mir überlassen würden, ich habe keine Möglichkeit, sie von Grönland wegzubringen. Alles, was ich tun kann, ist, Max zu bitten, nachzusehen, die Hütte zu bauen. Ein kleiner Einschub, der mich freut: Max teilte mir mit, jetzt, als ich das schrieb, dass es der Hündin gut geht und er schon das Holz für die Hütten bestellt hat!

Ich verbrachte Zeit damit, Fotos und Videos zu sichern, machte meine Reisenotizen, begann zu packen. 

Max und ich aßen zusammen, der Abschied nahte. Viel zu schnell waren diese Tage vergangen, der Abschied kommt mit großen Schritten. 

Die Mutterhündin sah  wesentlich besser aus, sie hatte es geschafft…liebevoll kümmerte sie sich um ihre Welpen. Ein großes Rudel nebenan wird gut versorgt, wie gesagt ist es jetzt Gesetz, die ganz jungen Welpen in Gehegen zu halten und man sieht hier und dort behelfsmäßig Zusammengezimmertes…in einem Verschlag aus Brettern versuchte ein kleiner Welpe herauszugucken, um etwas vom Weltgeschehen außerhalb mitzubekommen. Ich ging zu ihm, er hüpfte an seiner Hütte hoch, ich konnte ihn streicheln, mit großen, glänzenden Augen blickte er mich an und ich sagte ihm, dass er bald rauskommen würde aus diesem seltsamen Gebilde, zwar wäre er dann an der Kette, aber immerhin habe er Gesellschaft und könne seine Umwelt wahrnehmen – ist er alt genug, darf er mit am Schlitten laufen. 

Der zehnte Tag

Abschied von Tiniteqilaaq

Mein Abreisetag von Tiniteqilaaq…Max war in der Schule…mein Rucksack war gepackt, trotz Gummistiefeln und warmer Kleidung wog er nicht einmal 9 kg…hier lernt man, sparsam mit Gepäck umzugehen…

Ich packte alle Wassergefäße und Futter und machte schnell die Runde, die alte Hündin, die Mütter, die Welpen…ich hatte nicht viel Zeit…der Rucksack musste im Supermarkt am Schalter von Air Greenland aufgegeben werden, damit er in den Helikopter kommt. 

Ich lief bergauf, bergab, der Abschiedsstress lag mir im Magen…ich versprach den Hunden, alles zu tun, damit sie ein besseres Leben haben. Tränen drängten sich hoch, doch dafür war keine Zeit.

Zuhause noch schnell den Abwasch getätigt, ich wollte keine Unordnung hinterlassen, meine bescheidene Bettstatt richten und los ging es.

Ich eilte zum Landeplatz, am Weg schaute Max noch aus dem Fenster der Schule, wir verabschiedeten uns nochmals…bis zum nächsten Jahr…hoffentlich. Ich dachte einmal mehr,  dass mein Leben fast nur aus Abschieden besteht, egal wo ich bin, immer heißt es, auf Wiedersehen zu sagen, nirgendwo bleibe ich für immer. 

Von Ferne hörte ich das Rattern des Hubschraubers, der punktgenau landete, ich sprach mit dem Piloten, einem Norweger, erzählte ihm, was ich hier mache und er sagte, an der Westküste seien die Hunde auch sehr arm…in Ketten…aber wie erwähnt, das ist leider Gesetz in Grönland.

Hinter mir ein Keuchen…ein junger Mann lief mit meinem Rucksack, der in den Hubschrauber gepackt wurde, so funktioniert hier das Laden des Gepäcks, es wäre für alle einfacher gewesen, ich hätte ihn selbst getragen. 

Normal dauert der Flug nach Tasiilaq 10 Minuten, heute dauerte er über eine Stunde, weil wir in Isartoq zwischenlandeten. Ein älteres Inuitpaar flog mit, sie stiegen in dem kleinen Dorf aus. Aber zuvor galt es noch ein Hindernis zu überwinden, ein junger Mann, wohl ein Angestellter, wollte die Schiebetür des Helikopters öffnen, scheiterte, zerrte an einem anderen Griff und irgendetwas zerbrach! Der Pilot blickte etwas erstaunt, öffnete die Tür…das Gepäck wurde in eine Scheibtruhe verladen und im letzten Augenblick konnte ich sehen, dass auch mein Rucksack dabei war, zum Glück verhinderte ich, dass mein Rucksack auf ewig in Isartoq verweilen musste…

Wir warteten auf den Abflug, plötzlich kehrte der junge Mann völlig außer Atem zurück mit einem großen Tixo-Roller…??? Gemeinsam mit dem Piloten wurde das, was auch immer es auch war, geklebt…in Grönland gehen die Uhren eben anders.

Noch einmal bei den Hunden in Tasiilaq

Wir flogen nach Tasiilaq zurück und diesmal war ich für eine Nacht im einzigen Hotel, weil in den Gästehäusern, es sind derer nicht viele, nichts mehr frei gewesen war. 

Mir ist das Hotel zu schick, aber es gibt ein Bad im Zimmer, man kann Kaffee oder Tee kochen, also Luxus pur für meine Verhältnisse.

Ein letztes Mal machte ich die Runde, besuchte alle Hunde, ein Welpe folgte mir…wie immer versprach ich auch dort den Hunden, mein Bestes zu geben, alles zu tun, um ihr Leben etwas zu verbessern. 

Der große Hundeplatz, an dem die meisten Tiere leben, das Blumental, wo auch Schlittenhunde sind…noch blühten die Blumen, Welpen tollten herum, die Sonne schickte ihre letzten arktischen Sommergrüße ins Land. 

Ich wanderte zurück, verabschiedete mich von einer Mutterhündin, die in einem Verschlag angekettet war, umgeben von Unrat…sie hatte nur wenige Welpen und sah mich traurig an. Wie gerne würde ich sie hier rausholen…eine andere Mutter in einem seltsamen Gehege, deren Junge frei herumliefen, bewies, welche guten Mütter diese Hunde sind. Die Welpen waren schon relativ groß, kehrten aber immer noch gerne zur Mama zurück, um zu trinken. Wie schmerzhaft es wohl für sie war, die kleinen, spitzen Zähnchen ihrer Kinder an den Zitzen zu spüren, doch sie hielt still, ließ ihre Kleinen trinken, wohlwissend, wie wichtig die Muttermilch für sie ist.

Ich wanderte die Straße zum Hotel hoch, im Winter ist das eine wahre Herausforderung, denn man macht einen Schritt vorwärts und rutscht zwei Schritte am Eis zurück, so steil ist es hier.

Ein letztes Mal schlafen in Grönland und eine beschwerliche Heimreise stand mir bevor.

Der elfte Tag

Heimreise

Mein Helikopter hatte Verspätung, ich wartete im kleinen Flughafen, zu meiner Überraschung traf ich eine „alte“ Bekannte, Hjordis, die ich seit vielen Jahren kenne und die mir oft geholfen hat, wir freuten uns beide sehr.

Endlich ging es los, davor war ich auch noch bei den Hunden, die in der Nähe vom Helikopterlandeplatz sind, ich verabschiedete mich auch von ihnen und eilte traurig zum Helikopter.

Noch einmal Grönland übers Eismeer, noch einmal die zackigen Berge Ostgrönlands, die weißen Schaumkronen, wissend, dass hier Eisbären herumwandern und Wale aus den gleichsam unendlichen Tiefen auftauchen. 

In Kulusuk checkte ich in die kleine Iceland Air-Propellermaschine ein und es ging zurück nach Island. Die Maschine war voll und einem Passagier vor mir fiel die Konsole mit Licht und Luftdüsen fast auf den Kopf…die Stewardess eilte herbei, schaffte es aber nicht, die Konsole wieder an ihren Platz zu bringen, ich half ihr und auch mein Sitznachbar, „Teamwork“ lacht er…die Stewardess erklärte dem Mann, beim Landen müsse er die Konsole festhalten, sonst fiele sie wieder runter…sie würde dann einen Techniker rufen, wenn wir gelandet waren…kleine Anekdoten…die man wohl nur hier erlebt.

In Keflavik musste ich warten, warten und warten…fast neun Stunden auf meinen Anschlussflug nach Warschau, ich konnte noch nicht einchecken und in dem Bereich vor dem Check-in gab es nichts, nur ein kleines Restaurant, kein Geschäft, gar nichts. Zum Glück gab es wenigstens auch veganes Essen…

Endlich ging es weiter…Warschau – wieder stundenlanges Warten, Gepäck wieder auschecken und neu einchecken…dann landete ich in Cluj, Rumänien und stieg endlich in mein Auto, um zurück Richtung Reghin zu fahren. 

27 Stunden Reisezeit ohne Schlaf, wer denkt, diese Grönlandreisen sind ein toller Urlaub, der irrt. 

Meine Hunde warteten schon auf mich, an Schlaf war nicht zu denken…doch am Abend fiel ich ins Bett, dachte an die Hunde in Grönland…ich vermisse sie sehr, vermisste auch die Lebensart und überlegte, welche Pläne sich am ehesten verwirklichen lassen. 

Unsere Hilfe geht weiter

Der Futtertransport steht, mittlerweile sind 4 Paletten in Tiniteqilaaq angekommen, das Futter für Tasiilaq und die anderen Dörfer ist noch am Weg übers Eismeer. Max will die Hundehütten bauen mit den Kindern, Holz ist bestellt. Rasmus schrieb mir, wir könnten Wassercontainer gebraucht in Kulusuk kaufen, ich sagte zu, denn das wird die Wasserversorgung für die Hunde weiter verbessern. 

Max braucht auch noch mehr von unseren Schulbroschüren, die wir eigens auf Grönländisch für die Kinder erstellt haben, gezeichnete Kinder und Hunde, die den richtigen Umgang mit den Hunden näherbringen, sie sind in allen Schulen in Ostgrönland verteilt. Er fragte mich auch nach einfachen Mathematikbüchern und Sonnenbrillen für die Kinder…auch diesen Wunsch kann ich erfüllen, denn wir haben ganz tolle Unterstützer, die uns immer helfen, wenn wir etwas benötigen, sei es gebraucht, sei es gekauft, es wird immer geholfen, mein herzliches Dankeschön an dieser Stelle!

Wieder komme ich mit sehr viel Foto- und Videomaterial nach Hause und natürlich wird wieder ein wunderschöner Kalender entstehen, der in unserem Shop erworben werden kann: https://eshop.robinhood-tierschutz.at/ Mit dem Erwerb helft Ihr mit, den Hunden auch in Zukunft zu helfen! Er wird Anfang November im Shop sein und kann etwa Mitte November verschickt werden – die Schlittenhunde freuen sich über jede Unterstützung!

 

Es gäbe noch sehr viel zum Erzählen, denn in Grönland wartet an jeder Ecke eine neue Geschichte…ich freue mich, wenn Ihr mir bis hier gefolgt seid und ich hoffe, ich konnte Euch mitnehmen auf eine Reise nach Grönland, damit Ihr versteht, wie anders es dort ist und dass man als Tierschützer dort Kompromisse eingehen muss, um tatsächlich Veränderungen zu Gunsten der Tiere zu erwirken.

Vielen Dank an alle, die dieses wunderbare, einzigartige Projekt möglich machen!

Gemeinsam lassen wir die Schlittenhunde Ostgrönlands nicht im Stich!

 

Eure 

Marion Löcker

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Das Reisetagebuch gibt es auch zum Download in Textform, bitte auf das folgende Symbol klicken. 

Noch ein paar weitere Eindrücke...

...von den Hunden

...von der Landschaft

...und auch ganz allgemein

Nothelferin, Zufluchtgeber, Möglichmacherin oder Sprachrohr — jeder hilft anders. Sechs Fragen aus dem Alltag, und nach zwei Minuten weißt du, wo dein Herz für Tiere schlägt.

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